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Legalisierung von Cannabis

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Wird Deutschland abgehängt?

Wer nach Kanada, in die USA, Mexiko, Uruguay oder Israel schaut, kann schon etwas neidisch werden. Viele Menschen können dort entweder schon jetzt oder in absehbarer Zeit völlig legal in Geschäften und Online-Shops Marihuana, Gras oder Hasch kaufen, ohne sich vor staatlichen Repressionen fürchten zu müssen. In Deutschland kommt die Legalisierung nur in winzigen Trippelschritten voran.

Laut Finn Hänsel, dem Besitzer des Startups Sanity Group aus Berlin, ist Deutschland „eines der konservativeren Länder, was Arzneimittelsicherheit, Patientensicherheit und Konsumentensicherheit angeht“. Das Startup wurde vor gut zwei Jahren gegründet und vertreibt die legalen Komponenten von Cannabis in Deutschland. Das sind einerseits Produkte des medizinischen Cannabis und andererseits Erzeugnisse, die in den Bereichen Nahrungsmittelergänzung, Kosmetik und Wellness zurzeit einen Boom verschaffen. Medizinalhanf kann jetzt sogar in Deutschland unter staatlicher Ägide angebaut werden. Die zweite Produktreihe baut auf CBD (Cannabidiol). Dieser Wirkstoff zeitigt keine berauschenden Effekte und unterliegt, im Gegensatz zum bekannteren THC (Tetrahydrocannabinol), nicht dem Betäubungsmittelgesetz.

Medizinisches Cannabis in Deutschland

Seit März 2017 dürfen in Deutschland Medikamente verschrieben werden, die sowohl THC als auch CBD beinhalten. Damit wurde auf Erkenntnisse reagiert, die Cannabisprodukten entzündungshemmende und entspannende Effekte zuschreiben. Dadurch wurden sie in der Schmerztherapie und für die Behandlung von psychotischen Erkrankungen interessant. Mit dieser Entscheidung wurde ein Signal umgelegt und der Bedarf an medizinischem Cannabis explodierte.

Das Medizinalhanf musste bis dato für teures Geld vor allem in Kanada eingekauft und importiert werden. Deshalb entschied das verantwortliche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 2018, den Anbau von Medizinalhanf unter strikten Auflagen zu erlauben. Es kam zu einer Ausschreibung und drei Firmen erhielten den Zuschlag, Hanf für medizinische Zwecke anzubauen. Wegen bürokratischer Hindernisse und Fehlern in der Planung verschob sich die Aussaat mehrmals. So war die erste Ernte für 2019 geplant. Jetzt wird glaubwürdig vom Frühjahr 2021 gesprochen.

Cannabidiol sorgt für Hype

CBD ist einer von mehr als 100 Wirkstoffen, die der Hanfpflanze zu eigen sind. Es wird vor allem in Form von CBD Öl vertrieben. Aber auch als reine Kristalle, in Tablettenform oder als Kapseln verkaufen sich die Erzeugnisse hervorragend. Eigentlich ist die Hanfpflanze schon seit Tausenden von Jahren bekannt für ihre wohltuenden Effekte auf den menschlichen Organismus. Durch das Cannabisverbot in weiten Teilen der Welt wurde dieses Wissen verschüttet oder ging verloren.

Schritt für Schritt wird Cannabis wiederentdeckt und auch CBD trägt seinen Anteil dazu bei. Die „neue“ Bewegung nahm ihren Anfang an den Küsten der Vereinigten Staaten. Dort werden CBD-Produkte schon seit Jahren in Lebensmitteln verarbeitet. Auch Erfrischungsgetränke werben mit den beruhigenden Wirkungen. Den Startschuss aber gaben Stars und Sternchen der amerikanischen Film- und Musikindustrie, welche mit der Einnahme einen erfolgreichen Stressabbau propagierten. Schnell schwappte die Welle nach Europa über und inzwischen verlassen die Produkte das Lifestyleniveau. Sie finden immer mehr ihren Zugang in medizinische Bereiche, in die Naturkosmetik und die Sphären der Wellness.

Lage in Deutschland

In regelmäßiger Abfolge werden im Bundestag kleine Eingaben gemacht, um das veraltete Verbot zu kippen. Meist sind Grüne und Linke aus Überzeugung für eine Legalisierung. Ihre Argumentation umfasst eine Entkriminalisierung sowie die Entlastung der Sicherheitskräfte, gehen doch viele minimale Delikte in die Strafverfolgung. Schon ein Schritt hin zur Ordnungswidrigkeit würde den Polizeikräften des Landes entscheidenden Spielraum verschaffen, um sich um die harten Drogen zu kümmern. Die FDP stimmt für eine Legalisierung, sieht sie doch enormes Potenzial im Hinblick auf die Erhöhung der steuerlichen Einnahmen, die dem Fiskus nach Schätzungen jährlich Mehreinnahmen in Milliardenhöhe bescheren würden.

Doch mit der derzeitigen Zusammensetzung des Bundestags ist das nicht zu machen. CDU und AfD sind grundsätzlich gegen eine Legalisierung. Die SPD ist zurzeit gespalten. Viele Abgeordnete sind zwar der Meinung, eine Legalisierung wäre auf der Höhe der Zeit. Der Koalitionszwang hindert sie jedoch an einer entsprechenden Stimmabgabe. Allerdings stehen in diesem Jahr Bundestagswahlen an. Aufgrund der Stigmatisierung glaubt Finn Hänsel, dass eine Legalisierung hierzulande erst in den nächsten fünf bis zehn Jahren möglich ist. Bleibt zu hoffen, dass der wirtschaftliche Zug bis dahin nicht abgefahren sein wird.